Aufgeschlagenes Buch.

Aus der Wissenschaft

Sie befinden sich in diesem Bereich der Seite:

Prof. Gerald Hüther: Thesen zur Sprachförderung aus der Sicht eines Hirnforschers

Der „alte“ Lernbegriff ist aus neurobiologischer Sicht heute nicht mehr hilfreich. Er täuscht vor, dass Kindern etwas „beigebracht“ werden kann, also Sprachkompetenzen vermittelt werden könnten. Im Grunde genommen sind Bildungsprozesse aber immer Selbstbildungsprozesse und beruhen auf Erfahrungen, anstatt auf auswendig gelernten Wissensinhalten.

Diese wichtigen Erfahrungen sammeln Kinder am besten beim Versuch, ihre beiden Grundbedürfnisse nach Verbunden- und Geborgenheit auf der einen und Wachstum und Autonomie auf der anderen Seite zu stillen. Damit geschieht die Aneignung von Sprache nie aus Selbstzweck, sondern als „Nebeneffekt“ und natürliche Folge der Erfahrungen. Somit reicht es auch nicht aus, Kindern „Bildungsangebote“ bzw. „Sprachförderangebote“ zu machen. Sie müssen viel eher eingeladen, ermutigt und inspiriert werden, eigene, neue Erfahrungen – z.B. im Umgang mit Sprache - zu machen. Durch positive Erfahrungen entsteht dabei der Wunsch, sich selber neue Sprachkompetenzen anzueignen.

Qualität im Bereich der frühkindlichen Sprachförderung wäre in diesem Sinn daran zu messen, wie gut es einer Bildungseinrichtung gelingt, Erfahrungsräume für Kinder zur Verfügung zu stellen, die sie einladen und ermutigen sich sprachlich differenziert zu verständigen. Eine besonders erfolgversprechende Strategie zur Erreichung dieses Zieles ist eine möglichst hohe „Aufladung“ von sprachlicher Kommunikation mit Bedeutsamkeit.

Bedeutsamkeit bekommt sprachliche Verständigung für Kinder unter anderem…

… in der Beziehung mit für sie bedeutsamen Personen

… in altersgemischten Kleingruppen

… durch emotionale „Aufladung“ von Sprache (durch Bezugspersonen, beim Singen, beim  Theaterspielen etc.)

… in lebensnahen Erfahrungsräumen (Entdecken und Gestalten im kommunalen Umfeld)

… in der Begegnung mit fremden Kulturen (Migranten).

Erzieherinnen und Erzieher müssten in diesem Sinn über die Fähigkeit verfügen, Kinder einzuladen und zu inspirieren sich selbst, andere, Natur, Technik, Kultur und Sprache zu entdecken. Grundvoraussetzungen sind erst einmal das eigene Interesse und grundlegende Kenntnisse auf den Gebieten der Naturwissenschaft, Kultur und Sprachwissenschaften Besonders wichtig sind aber auch die Haltungen und inneren Einstellungen der Erzieherinnen und Erzieher gegenüber den Kindern. Hierzu zählen Feinfühligkeit, Achtsamkeit, Authentizität, Zuverlässigkeit, Emotionales Ausdrucks-vermögen, Offenheit, Entdeckerfreude, Gestaltungslust und vieles mehr. Nur wenn es den Erzieherinnen, Erziehern und Tagespflegepersonen gelingt, diese Eigenschaften im Umgang mit den Kindern zu entfalten, ist der Aufbau einer bedeutsamen Beziehung zu der betreuenden Person möglich. Diese Bindung ist die Voraussetzung für Lernprozesse.






Beratung & Betreuung in Ihrer Region



[http://www.vorteil-kinderbetreuung.de/254] - 07.02.2012
© Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend