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Aus der Praxis
Warum Kreativitätsförderung für die Begleitung von Bildungsprozessen in der frühen Kindheit unverzichtbar ist
Die Diskussion um die Bedeutung der Ästhetik und Kreativität im pädagogischen Kontext hatte in
den 1970er Jahren einen sehr hohen Stellenwert. Aktuell ist diese durch die Diskussion um
naturwissenschaftliche, mathematische und sprachliche Bildung in Kindertageseinrichtungen allzu sehr in den
Hintergrund geraten.
Die Bedeutung der Ästhetik folgte in Europa seit Aristoteles erkenntnistheoretischen Deutungen und betonte
die Wahrnehmungsdimension in Erkenntnisprozessen, während die amerikanische Kreativitätsforschung bis
heute dem Verständnis von Kreativität als Problemlösungskompetenz folgte, als deren
Voraussetzung umfassende Wahrnehmungsvorgänge galten. Die Ästhetik als Erkenntnislehre wurde zwar
wichtiger Bestandteil von Bildungsprozessen mit unterschiedlich entwickelten Ansätzen, aber die Relevanz
der Kreativität für Bildungsprozesse wird aktuell erst entdeckt (Braun, 2006 und 2007).
In der Frühpädagogik zeigt sich die Bedeutung der Ästhetik in der Förderung von
Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Selbstbildungsprozessen, während die Kreativitätsförderung als
Förderung von Problemlösungskompetenz noch wenig Berücksichtigung findet.
Kreativität – eine Standortbestimmung
Unter Kreativität wird eine schöpferische, gestalterische Kraft verstanden. Im weitesten Sinne wird
damit jede schöpferische Tätigkeit bezeichnet, die Neues hervorbringt. Diese Neuheiten können
sowohl auf dem Gebiet der ästhetischen und künstlerischen Kreativität, als auch auf dem Gebiet
des bildnerischen und darstellenden Gestaltens entstehen. Es kann sich aber auch um neue Problemlösungen
auf einer ganz pragmatischen Alltagsebene handeln.
Immer hat Kreativität etwas mit neu erschaffenen Lösungen auf den unterschiedlichsten Ebenen zu tun.
Die Hoffnungen, die mit diesem Begriff verbunden sind, beziehen sich auf das Moment der Neuheit und der
schöpferischen Produktivität im Denken und Handeln.
Schöpferische Produktivität ist ohne Wahrnehmung und Wahrnehmungsverarbeitung kaum möglich.
Problemlösung ist ohne Problemsensitivität nicht möglich. Versteht man die Kreativität des
Menschen grundsätzlich als schöpferische Kompetenz, die sowohl in pragmatischen Problemlösungen
als auch in ästhetischem Gestalten ihren Ausdruck findet, dann lässt sich eine Verbindung zum
traditionellen Verständnis von Ästhetik finden (Braun, 2007).
Die verschiedenen Perspektiven des Phänomens Kreativität bieten ein differenziertes Bild:
- Kreativität produziert Neues
- Kreativität basiert auf Problemsensitivität
- Kreativität wird durch eine Flexibilität von Denkformen möglich
- Kreativität hat eine individuelle und eine gesellschaftliche Dimension
Kindliche Weltoffenheit, Neugier und Wissbegier, die Fantasie des Kindes im Spiel und seine Beharrlichkeit beim
Ausprobieren und Lernen deuten auf ein hohes kreatives Potenzial hin, welches man in der Vergangenheit nur
bestimmten herausragenden kreativen Persönlichkeiten zugeschrieben hat.
Kinder beziehen Imagination, Fantasie und Vorstellungskraft in ihr Spiel ein, wodurch Aneignung von
Wirklichkeit erfolgt. Die Spontaneität des Kindes ermöglicht ihm eine vorurteilsfreie Sammlung von
Ideen, Möglichkeiten und Erkenntnissen und eine Aufnahmebereitschaft, welche die Produktion kreativer
Leistungen begünstigen. Kinder bringen damit günstige Voraussetzungen zur Entwicklung und
Ausdifferenzierung von Kreativität mit.
Kreative Kompetenz als Leitgedanke für Bildung und Lernen
Die Ausbildung von Kompetenzen ist eine Zielkategorie für Lern- und Bildungsprozesse. In der OECD-Studie
über key-competencies wurden folgende Kategorien als übergreifende Kompetenzen eruiert:
Selbstkompetenz, Sachkompetenz, Sozialkompetenz.
Die Kreativität als ästhetische und Problem lösende und damit innovative Kompetenz ist jedoch
ein Phänomen, das im Umgang mit sich selbst, mit anderen und mit Aufgaben und Inhalten bedeutsam ist.
Kreativität lässt sich demzufolge als übergreifende Kompetenz beschreiben, welche in allen
Kompetenzbereichen Relevanz besitzt. Denn in jeder Lebenssituation sind Menschen gefordert, mit adäquaten
Lösungen auf Herausforderungen zu reagieren und innovative Lösungen zu entwerfen, wenn bestehende
nicht geeignet sind.
Im Rahmen dieser Auffassung von Kreativität als übergreifende Kompetenz wird deutlich, wie wichtig
die Förderung der Kreativität mit all ihren Implikationen im Kontext von Bildungs- und Lernprozessen
ist. Es wird eine Aufgabe der Zukunft sein, dieser Perspektive Nachdruck zu verleihen und sie in konkreten
Ansätzen zu realisieren.
An dieser Stelle soll eine im Jahr 2007 veröffentlichte und über drei Jahre durchgeführte Studie
des Guggenheim-Museums in New York zum Thema „Learning Through Art“ nicht unerwähnt bleiben.
In dieser Studie mit Grundschulkindern konnte nachgewiesen werden, dass jene Kinder, die regelmäßig
an künstlerisch kreativen Aktivitäten des Museums beteiligt waren, bessere Leistungen in den
Bereichen „literacy, and critical thinking skills – including extended focus, hypothesizing, and
providing multiple interpretations“ aufgewiesen haben.
Kreativität als kindliches Potenzial sollte gefördert werden, um die Entwicklung einer kreativen
Persönlichkeit zu unterstützen. Mit dem Begriff der kreativen Persönlichkeit möchte ich
einen autonom und verantwortlich denkenden und handelnden Menschen bezeichnen, der in den verschiedensten
kleinen und großen Anforderungen des Lebens im privaten und öffentlichen sowie im individuellen und
sozialen Bereich Problemlösungen für sich und andere suchen, finden und entwickeln und sie dann in
angemessenes produktives Handeln umsetzen kann.
Die Bedingungen der sogenannten postmodernen Gesellschaften, der Industrie- und Wissensgesellschaften mit ihren
Leistungsanforderungen in der Arbeitswelt, mit dem Wandel von Familie und persönlichen Beziehungen, mit
den Möglichkeiten und verschwimmenden Grenzen von Arbeit und Freizeit, mit dem großen Bedarf an
innovativen Ideen, mit den Herausforderungen und Chancen eines multikulturellen Zusammenlebens sowie mit den
Leistungsanforderungen Mobilität und Flexibilität bedürfen der Kreativität als
Lebensgestaltungskompetenz. Daher muss die Förderung von Kreativität ein wichtiges pädagogisches
Ziel werden und als Bildungsaufgabe ernst genommen werden. Ist sie nämlich eine
Lebensgestaltungskompetenz, dann ist sie auch ein wichtiges Instrument der Lebensbewältigung.
Kreativitätsförderung als pädagogische Haltung
Dem Ansatz der Kreativitätsförderung bei Kindern und der damit verbundenen ästhetischen Bildung
liegen die Ziele der Förderung der Neugier von Kindern durch Unterstützung ihrer
Experimentierbereitschaft und der Verstärkung des Verständnisses von der eigenen Kreativität
zugrunde. Dies geschieht durch Erfolgserlebnisse und Anerkennung, durch die Arbeit mit vielfältigen
künstlerischen, ästhetischen Materialien, durch die Unterstützung von Ideen und deren Erprobung
sowie durch das Zulassen ungewöhnlicher Problemlösungen. Weiterhin wird Kreativität durch eine
offene und ermutigende Kommunikation mit dem Kind und durch die Unterstützung seiner aktiven Gestaltung
der eigenen Umgebung im gemeinsamen Tun mit anderen Kindern gefördert. Unter der Prämisse dieser die
Kreativität fördernden Haltung bekommen gestalterische und darstellende
ästhetisch-künstlerische Aktivitäten in Kindertageseinrichtungen eine zentralere Bedeutung, als
ihnen bislang beigemessen wird.
Literatur
Landau, Erika (1973): Psychologie der Kreativität, Reinbek. Braun, Daniela (2006): Kreativität und Bildung – Curriculumentwicklung in Kindertagesstätten, Remagen.
Braun, Daniela (2007): Handbuch der Kreativitätsförderung: Kunst und Gestalten in der Arbeit mit
Kindern, Verlag Herder, Freiburg.
Braun, Daniela (2009): Von Piccolo bis Picasso, Verlag Cornelsen
Braun, Daniela (2010): Kreativität und Spielen, Verlag Cornelsen
OECD (2003): Key competencies for a successful life and well-functioning society, Hogrefe Publishing
Solomon R. Guggenheim Museum (2007): Teaching Literacy Through Art, New York (http://www.learningthroughart.org/research_findings.php)
Kurzbiografie der Autorin
Dr. Daniela Braun ist seit 1993 Professorin im Fachbereich Sozialwesen an der Fachhochschule Koblenz. Neben
ihrer Lehrtätigkeit im Bereich Medien, Ästhetik und Kommunikation für die Studiengänge
Soziale Arbeit, und BASA-online ist sie im Studiengang „Bildungs- und Sozialmanagement mit Schwerpunkt
frühe Kindheit“ (B. A.) tätig und war an dessen Entwicklung beteiligt. Sie hat mehrere Jahre
Erfahrung in der Beratung von Kindertageseinrichtungen sowie im Bildungs- und Sozialmanagement als
Betriebsleiterin eines Kinder- und Jugendhilfeträgers der Freien Wohlfahrtspflege in Nordrhein-Westfalen.
Dr. Braun leitete die Projekte angewandter Forschung für Kindertageseinrichtungen „Von Piccolo bis
Picasso“ und „Natur Pur“ im Rahmen der „Offensive Bildung“ der BASF in
Ludwigshafen und ist Mitglied der Steuerungsgruppe des Forschungszentrum der FH Koblenz
Kontakt
Prof. Dr. Daniela Braun
Fachhochschule Koblenz

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