Gute Kinderbetreuung:
weil in Kleinen Großes steckt.

  • Thema des Monats: Zusammenarbeit mit Eltern

    Die Zusammenarbeit mit Eltern nimmt in der frühkindlichen Bildung, Betreuung und Erziehung eine bedeutsame Rolle ein. Denn arbeiten Kitas und Tagespflegepersonen mit Eltern zusammen, fördern sie eine gelebte Erziehungspartnerschaft - ganz zum Wohl der Jüngsten. mehr


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Wie Erzieherinnen und Eltern bewusst die Sprachentwicklung von mehrsprachigen Kindern unterstützen können

Vielleicht kennen Sie die Situation noch aus Ihrem letzten Sommerurlaub: Sie betreten einen Raum voller Menschen, alle sprechen eine fremde Sprache, fremde Bilder hängen an den Wänden, das Essen, das auf dem Tisch steht, sieht eher seltsam aus und nichts erinnert an zu Hause. Und jetzt stellen Sie sich vor, Sie seien drei Jahre alt, alle um Sie herum sind laut und miteinander befreundet, die Erwachsenen reden in einer unverständlichen Sprache auf Sie ein und wollen Sachen von Ihnen, die Sie von zu Hause überhaupt nicht kennen. Am liebsten würden Sie doch jetzt kehrt machen und zurück nach Hause laufen, oder?

Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund

Diese stark verunsichernde Situation ist in den meisten Fällen die Realität, mit der Migrantenkinder umgehen müssen, wenn sie die ersten Tage in einer Kindertageseinrichtung verbringen. Unsere Einrichtung besuchen 110 Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren, 98 Prozent davon stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Die deutsche Sprache ist ihnen noch unbekannt, ebenso viele Rituale, Sitten und Gebräuche, die im Kindergarten gelebt werden. Auch wenn wir im persönlichen Kontakt wie über mehrsprachige Spiele und Lieder versuchen, interkulturelle Brücken zu bauen, bleibt doch Vieles fremd und unverständlich – und das trifft in vielen Fällen nicht nur auf die Kinder, sondern auch auf die Eltern zu.

Eltern-Kind-Gruppe

Uns war also schon seit langer Zeit klar, dass sowohl unsere “Allerkleinsten”, als auch deren Eltern besondere Unterstützung von Anfang an brauchen. Vor einigen Jahren initiierten wir daher unsere erste Eltern-Kind-Gruppe, die Eltern (vor allem Mütter) mit ihren bereits aufgenommenen Kindern einmal wöchentlich besuchten, um mehr Sicherheit im sprachlichen Umgang mit ihren Kindern zu gewinnen. Die Fragen, die uns am häufigsten gestellt wurden waren zum Beispiel “Darf ich zu Hause mit meinem Kind in der Muttersprache sprechen?” oder “Wie kann mein Kind schneller Deutsch lernen?”, “Mache ich alles falsch, wenn ich weiter meine Sprache spreche?” oder “Wird mein Kind seine Muttersprache verlernen?”.

Sprache macht stark!

Im Rahmen der “Offensive Bildung”* wurde das Projekt “Sprache macht stark! Sprachbrücke Familie – Kita” entwickelt, das gezielt den Zweitspracherwerb Zwei- bis Vierjähriger unter Miteinbezug der Eltern im Blick hatte. Diese Chance konnten wir für uns nutzen und als Pilotkita teilnehmen. Drei Mitarbeiterinnen unseres Teams wurden über den Zeitraum eines Jahres durch Fortbildungen, Workshops, kontinuierliche fachliche Begleitung und Praxiscoaching zu Sprachförderkräften ausgebildet.

Grundlage der sprachlichen Förderung war das Konzept zur sprachlichen Frühförderung von Prof. Dr. Rosemarie Tracy. “Je früher, desto besser!” Je früher Kinder mit einer zweiten Sprache in positiven Kontakt kommen, desto besser können sie die Möglichkeiten des Gehirns, neue Sprachen zu speichern, nutzen. “Je mehr, desto besser!” Je größer der Sprachinput ist, je häufiger die Wiederholungen sind und je vielfältiger das sprachliche Angebot ist, desto schneller können Kinder sprachliche Strukturen erkennen und verinnerlichen. “Je positiver, desto besser!” Je eher Kinder erfahren, dass ihre sprachlichen Fähigkeiten von allen Beteiligten wertgeschätzt werden, desto eher werden Kinder Sprache auch produzieren. Sie erfahren, dass sie sich mit Sprache anderen mitteilen können und dass sie mit Sprache die Welt entdecken und in ihr handeln können.

Drei Förderungsschwerpunkte des Projekts

Das Projekt “Sprache macht stark” umfasst drei Förderungsschwerpunkte: zum einen die Förderung in speziell konzipierten Kleingruppen von vier Kindern, die dreimal wöchentlich für je eine Stunde stattfinden, zum anderen die Eltern-Kind-Gruppe, die sich einmal wöchentlich für zwei Stunden trifft. Der dritte Schwerpunkt liegt in der Förderung der Kinder im pädagogischen Alltag, das heißt in der Einbindung des in der Kleingruppe und der Eltern-Kind-Gruppe besprochenen Themenfeldes in die tägliche Arbeit, in der Wiederholung des sprachlichen Inputs durch weitere Bezugspersonen.

Alle drei Schwerpunkte sind also thematisch verknüpft; die sprachlichen Inhalte wiederholen sich in immer wieder neuen Zusammenhängen und prägen sich Kindern so leichter ein. Die ersten Erfolgserlebnisse stellen sich schnell ein: das in der Kleingruppe besprochene Thema “Mein Körper” wiederholt sich ganz selbstverständlich in Alltagssituationen wie beim Händewaschen, das Kind versteht “Hände” und “abtrocknen”- und das Gefühl, völlig in der “Fremde” zu sein, nimmt ein bisschen ab.

Eltern finden in der Eltern-Kind-Gruppe die Möglichkeit, ihre Kinder in Sprachlernsituationen zu begleiten und Unsicherheiten in Bezug auf den Zweitspracherwerb auszuräumen. Auch hier beschäftigt man sich mit dem gleichen Themenfeld; die Kinder erleben hier die Wiederholung des in der Kleingruppe und im pädagogischen Alltag erlernten Wortschatzes und können stolz ihren Eltern das neue Wissen präsentieren. Spracherwerb ist also für sie positiv geprägt, ihr Wissen – auch das muttersprachliche Wissen – wird als wertgeschätzt erlebt.

Situative Integration

Zu Anfang haben wir uns natürlich die Fragen gestellt: “Was ist jetzt anders als bei der Kleingruppenarbeit, die wir schon immer gemacht haben?” und “Wie können wir diese themenorientierte Förderung in unsere Arbeit nach dem Situationsansatz integrieren?”, “Wie lässt sich der große Zeitaufwand mit unserer personellen Besetzung leisten?”.

Thematisch ließen sich Themenfelder wie “Neu im Kindergarten” oder “Mein Zuhause” gut in die Arbeit nach dem Situationsansatz integrieren, da sie inhaltlich genau treffen, was die Kinder in ihrer ersten Zeit in der Kita brauchen und ihnen das “Handwerkszeug” bieten, um ihre Bedürfnisse, Ideen und Wünsche zu äußern. Die Kinder sind durch diese intensive sprachliche Förderung sehr schnell sicher im Umgang mit Erzieherinnen und auch selbstbewusster in den Kinderkonferenzen, da sie schon bald ein grundlegendes Sprachverständnis entwickeln.

Fazit

Natürlich wurde mit dem Projekt “Sprache macht stark!” die sprachliche Kleingruppenförderung nicht ganz neu erfunden – neu war jedoch die Verknüpfung von Kleingruppenförderung, Eltern-Kind-Gruppe und der Förderung im pädagogischen Alltag, also das gezielte wiederholte “Sprachbad”, das unsere Kinder erleben und das sich wie ein roter Faden durch ihren Kindergartentag zieht. Neu war auch für die Erzieherinnen die intensivere Betrachtung des eigenen Umgangs mit Sprache und die Team-Fortbildung, die es uns ermöglichte, alle Teammitglieder auf den gleichen Wissensstand zu bringen.

Auch weiterhin arbeiten wir mit neuen Eltern-Kind-Gruppen und mit Kleingruppen, die jeweils von den inzwischen auch durch Fortbildungen geschulten Gruppenerzieherinnen durchgeführt werden – die Ergebnisse der Projektphase haben uns gezeigt, dass sich der Zeit- und Arbeitsaufwand in jedem Fall lohnt. Die “Kinder der ersten Stunde” haben eine sehr viel selbstbewusstere Haltung ihrer eigenen Mehrsprachigkeit gegenüber. In der Begegnung mit anderen zeigen sie auch heute noch gern, was sie gelernt haben.

Wir haben sehr viel Positives, sehr viel Arbeitsintensives und auch sehr viel Selbstkritisches erlebt – und haben auch erfahren, dass die Schwierigkeiten, die man zuerst vor sich sieht, eigentlich gar nicht so riesig sind: gemeinsam haben wir uns und unsere Arbeit kritisch betrachtet, uns gegenseitig unterstützt und unsere Aufgaben neu koordiniert, um effektiver und intensiver mit den Kindern arbeiten zu können, ohne unsere früheren Projekte, die wir ja auch im Haus haben, zu vernachlässigen. Und die Kinder haben uns darin bestätigt: von Anfang an gingen auch die Allerkleinsten mit großer Freude in die Kleingruppen und haben an den verschiedenen Angeboten begeistert teilgenommen – das Gefühl in der “Fremde” verloren zu sein, ging also sehr schnell verloren.

Literatur

Tracy, Rosemarie (2007). Wie Kinder Sprachen lernen. Und wie wir sie dabei unterstützen können. Tübingen: Narr Francke Attempto Verlag.

Tracy, Rosemarie (2003). Sprachliche Frühförderung. Mannheim. Informationsbroschüre der For-schungs- und Kontaktstelle Mehrsprachigkeit der Universität Mannheim.

Ulich, M., Oberhuemer, P., Soltendieck, M. (2.Aufl. 2005). Die Welt trifft sich im Kindergarten. Weinheim und Basel: Beltz Verlag

Hüsler, Silvia (2004). Kinderverse aus vielen Ländern. Freiburg im Breisgau: Lambertus-Verlag Jampert, Karin u.a. (2005). Schlüsselkompetenz Sprache. Berlin: verlag das netz

Zimmer, Jürgen (2006). Das kleine Handbuch zum Situationsansatz. Weinheim und Basel: Beltz Verlag

*Die Offensive Bildung Die sieben Projekte der Offensive Bildung hatten zum Ziel, die frühkindliche Bildung in Kindertagesstätten zu fördern. Die innovativen Projekte wurden im Jahr 2005 von dem städtischen Träger sowie den evangelischen und katholischen Trägerorganisationen in Ludwigshafen aus der Praxis heraus entwickelt. Sie wurden trägerübergreifend in rund 90 Kindertagesstätten umgesetzt und von anerkannten Bildungsexperten begleitet. Unterstützt werden die Projekte durch die BASF Aktiengesellschaft. Die städtische Kindertagesstätte Nord in Ludwigshafen gehörte zu den zehn Kindertagesstätten in Rheinland-Pfalz, die vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rhein-land-Pfalz als Konsultationskindertagesstätten ausgewählt worden sind. Ihr Themenschwerpunkt als Konsultations-Kita ist “Sprache und Sprachförderung”.

Kurzbiographie Claudia May

Claudia May (Jg. 1974): Diplom-Sozialpädagogin mit dem Studienschwerpunkt „Kunst als Therapie für behinderte Kinder“; Multiplikatorin für das Projekt „Sprache macht stark“, stellvertretende Leitung der Städtischen Kindertagesstätte Nord in Ludwigshafen; Mutter einer fünfjährigen Tochter.

Kontakt

Claudia May, Städtische Kindertagesstätte Nord, Kanalstr 45-47 67063 Ludwigshafen

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[http://www.vorteil-kinderbetreuung.de/allgemein/dok/6.php] - 10.07.2014
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