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Experteninterview: Dr. Sybille Stöbe-Blossey
Dr. Sybille Stöbe-Blossey lehrt zu Fragen des Bildungs- und Erziehungssystems an der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg Essen. Sie ist Forschungsdirektorin der Abteilung „Bildung und Erziehung im Strukturwandel“ des Instituts für Arbeit und Qualifikation.
Viele Netzwerke engagieren sich, um die Rahmenbedingungen früher Bildung und frühkindlicher Entwicklung vor Ort zu stärken. Wo können diese Netzwerke nach Kooperationspartnern suchen?
Vielfach werden Netzwerke zunächst über das Jugendamt initiiert. Wichtige Partner sind an erster Stelle die Träger und Institutionen frühkindlicher Bildung im Elementarbereich, also die Kindertagesstätten in öffentlicher, freier und auch privater Trägerschaft. Um Familien begleiten zu können und ihnen niedrigschwellig geeignete Hilfsangebote vermitteln zu können, sind Erziehungsberatungsstellen, Familienbildungsstätten, Beratungsstellen für Migrantinnen und Migranten und freie Praxen (bspw. Heilpädagogik, Ergotherapie) wichtige Partner. Ein früher Zugang zu Familien kann am ehesten über das Gesundheitswesen erreicht werden – insofern sollten Kooperationen mit Hebammen, Arztpraxen (Pädiatrie, Gynäkologie) und Geburtskliniken aufgebaut werden. Hier können die örtlichen Gesundheitsämter eine Mittlerfunktion wahrnehmen. Ein früher Zugang zu Familien kann des Weiteren über Schwangerschaftsberatungsstellen hergestellt werden. Diese haben zum Beispiel über die Beantragung wirtschaftlicher Hilfen zu sehr vielen werdenden Müttern Kontakt und können auf diese Weise eine wichtige Lotsenrolle ausfüllen. Auch die Zusammenarbeit mit den Jobcentern (SGB II) erweist sich als sinnvoll: Eine ganzheitliche Unterstützung von (insbesondere alleinerziehenden) Müttern, denen über geeignete Qualifizierungs- und Arbeitsangebote und über die Vermittlung einer dazu passenden Kinderbetreuung der Weg aus dem SGB-II-Bezug geöffnet wird, kann die Bildungsvoraussetzungen für deren Kinder wesentlich verbessern.
Welche Strategien eignen sich besonders, um dieses Ziel zu erreichen?
Ein Netzwerk braucht zunächst eine „Initialzündung“, eine politisch hoch angesiedelte Initiative, die Öffentlichkeit herstellt und es für die potenziellen Partner attraktiv macht, dazu zu gehören. Des Weiteren erfordert es eine organisatorische Infrastruktur, eine Stelle, die eine klare Verantwortung für Einladungen, Terminabsprachen, Protokolle usw. hat. In der Anfangsphase sollte eine gemeinsame Abstimmung über die Ziele stattfinden. Diese Ziele müssen auch innerhalb der Organisationen der Netzwerkpartner kommuniziert werden.
Sie unterscheiden in Ihren Forschungsarbeiten zwischen natürlichen und künstlichen Netzwerken. Welche Unterschiede gibt es zwischen diesen Netzwerkstrukturen? Und wie sollten Netzwerke rund um das Thema „frühkindliche Bildung“ strukturiert sein, um möglichst effektiv handeln zu können?
Natürliche Netzwerke, bspw. Familien, entstehen „von selbst“, künstliche Netzwerke werden gezielt mit einem bestimmten Zweck aufgebaut. Dabei kann nicht selbstverständlich davon ausgegangen werden, dass alle Partner, deren Beitrag für die Erreichung eines Ziels wichtig wäre, tatsächlich ein Interesse daran haben, diesen Beitrag zu leisten. Wer ein Netzwerk aufbauen will, sollte also im Vorfeld analysieren, welcher potenzielle Partner welche Eigeninteressen hat. Auf diese Weise kann festgestellt werden, welche Partner sich als Promotoren für ein Netzwerk eignen, welche Interessen einer Netzwerkarbeit entgegen stehen könnten und welche Anreize für eine Mitwirkung geschaffen werden müssen.
Wie kann solch ein Netzwerk auch die Eltern erreichen?
Nicht das Netzwerk als solches muss die Eltern erreichen; vielmehr ist dies die Aufgabe der einzelnen Partner mit ihren Angeboten. Diese Angebote müssen erstens von jedem einzelnen Partner auf seinen Wegen an die Eltern herangetragen werden. Zweitens besteht ein Kern eines Netzwerks darin, dass jeder Partner die Angebote der anderen kennt und somit eine Lotsenfunktion wahrnehmen und Eltern zu den für sie passenden Angeboten weiterleiten kann.
Im Laufe der Netzwerkarbeit können auch Probleme oder Konflikte zwischen den Kooperationspartnern entstehen. Was kann man tun, um das zu vermeiden?
Eine gemeinsame Verständigung über Ziele in der Anfangsphase lohnt den Aufwand. Wenn es darum geht, Konflikte zu lösen, kann man dann auf diese Gemeinsamkeiten zurückgreifen,. Wichtig ist auch, immer das Spannungsverhältnis im Blick zu haben, das sich für die einzelne Person aus ihrer Mitgliedschaft im Netzwerk und ihrer Rolle in der eigenen Organisation ergeben kann. Man kann nicht selbstverständlich davon ausgehen, dass eine Organisation immer so handelt, dass es den Zielen des Netzwerks entspricht. Die Personen, die die Organisation im Netzwerk vertreten, sind nicht immer bereit und in der Lage, die Netzwerkziele innerhalb der Organisation zu vertreten und für die Umsetzung zu sorgen. Hier sind institutionalisierte Rückkopplungen hilfreich: die Vertretungen im Netzwerk können etwa aufgefordert werden, bestimmte Fragen innerhalb ihrer Organisation zu klären und zu diskutieren und im Netzwerk über die Ergebnisse zu berichten. Entscheidend ist weiterhin ein Höchstmaß an Transparenz: Welche Angebote werden von den einzelnen Partnern gemacht, wie können diese aufeinander abgestimmt und miteinander vernetzt werden, wo gibt es potenzielle Konkurrenzprobleme? Nützlich kann schließlich eine professionelle Moderation sein – allerdings dann und nur dann, wenn die Moderatorin oder der Moderator über fundierte inhaltliche Kenntnisse zum Thema verfügt und auf dieser Basis Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Positionen der Netzwerkpartner herausarbeiten und Anregungen für Lösungen einbringen kann („aktive Moderation“). Zu warnen ist hingegen vor einer Moderation ohne inhaltlichen Hintergrund – hier besteht die Gefahr, dass Moderationsmethoden zum Selbstzweck werden und Formelkompromisse und Scheinlösungen erzielt werden.
Sie engagieren sich ja auch selbst in einem Projekt der „Netzwerke früher Hilfen“. Welche Erfahrungen konnten Sie bisher mit Ihrem Engagement sammeln? Haben Sie auch praktische Tipps für Initiativen, die Akteure vor Ort miteinander vernetzen möchten?
Viele praktische Tipps wurden bereits angesprochen. Einen Hinweis möchte ich hier gerne noch ergänzen, der vor allem von Bedeutung ist, wenn es gelingt, viele unterschiedliche Akteure in ein Netzwerk einzubeziehen. Ein solches multiprofessionelles Netzwerk verbindet Akteure mit sehr unterschiedlichen institutionellen und professionellen Hintergründen und demzufolge unterschiedlichen Werthaltungen, Interessen und Leitbildern. Ein Kennenlernen zwischen den Beteiligten ist daher von entscheidender Bedeutung, wobei es sowohl um die Entwicklung von persönlichen Beziehungen als auch um den Aufbau von Wissen über die jeweiligen Aufgabenbereiche geht. Eine wechselseitige Kenntnis der Arbeitsbedingungen sowie der Möglichkeiten und Restriktionen der Partner erleichtert die Zusammenarbeit und trägt zum Aufbau von Vertrauen bei. Und wenn Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Professionen über ihre Ziele und Werthaltungen diskutieren, entdecken sie oft mehr Gemeinsamkeiten als gedacht. So kann bspw. ein Austausch über das Verständnis von Prävention Ausgangspunkt für einen Dialog zwischen Vertreterinnen und Vertretern aus dem Gesundheitswesen und der Jugendhilfe sein, denn der Präventionsbegriff ist in beiden Feldern als Leitbild von Bedeutung. Wahrscheinlich wird man sich dabei schnell darauf einigen, dass die Umsetzung dieses Leitbildes noch Entwicklungspotenziale aufweist und eine gemeinsame Basis geschaffen werden muss, um über diese Entwicklungspotenziale zu diskutieren. Beim Aufbau von Netzwerken geht es also darum, sowohl Möglichkeiten des informellen Austauschs zu initiieren, als auch gezielt Kontexte zum Informationsaustausch und zu bestimmten (übergreifenden oder auch kontroversen) Themen zu schaffen.
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