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Morgenkreis – Orientierung für den Tag!
Im täglichen Morgenkreis haben die Kinder die Möglichkeit, sich in der offenen Arbeit zu organisieren. Dieses traditionelle Ritual ist ein Orientierungspunkt im gesamten Tagesablauf und gibt den Kindern ein Gefühl der Sicherheit. In dieser Gesprächsrunde bekommen die Kinder Informationen über Aktivitäten, Projekte und wo diese mit wem stattfinden. Dadurch erhalten sie eine Übersicht über den Tag. Diese Orientierung ist nur durch zuhören, aufnehmen, verstehen und umsetzen von Sprachinhalten möglich.Bunte Akzente als Gesprächsanlässe
In unserem Abenteuerland wirken 50 Kinder im Alter von 2 ½ bis 7 Jahren. Zwischen 7:15 bis 8:00 Uhr empfängt eine Erzieherin die Kinder und richtet mit ihnen den Frühstücksbereich im Restaurant und den Morgenkreis im Foyer her. Auf einem großen Tuch in der Kreismitte liegen Gegenstände, die symbolisch die vorbereiteten Aktionen und Angebote präsentieren. In der Mitte steht ein Strauß umringt von Naturmaterialien, je nach Jahreszeit. Schon diese dekorativ gestaltete Mitte begrüßt die Ankommenden im Abenteuerland. Viele Kinder verweilen kurz und überlegen gemeinsam mit ihren Eltern, was die Symbole bedeuten könnten. Daneben sind an einer Magnettafel die entsprechenden Angebote stichpunktartig auf Kärtchen vermerkt. Dadurch erhalten die Eltern mehr Einblick in unsere Arbeit, denn viele Kinder erzählen zu Hause nichts von ihrem Kindergartenalltag. An Geburtstagen ist die Mitte besonders prachtvoll geschmückt und der Geburtstagsstuhl steht schon neben dem Kreis bereit. Nun wird gerätselt: welches Kind feiert heute seinen Geburtstag? Diese dekorativ gestalteten Akzente im Eingangsbereich sind eine Einstimmung auf den Tag. Gleichzeitig animieren sie zu Gesprächen zwischen dem Kind und seinen Begleitern. Offene Fragen sind Gesprächsinhalte der persönlichen Begrüßung.
In der Bringzeit zwischen 8:00 und 9:00 Uhr findet die persönliche Begrüßung mit der jeweiligen Bezugserzieherin in deren Fachbereich statt. Diese Form des Ankommens intensiviert die Beziehung zum Kind. Zudem gibt es den Eltern Sicherheit, einen festen Ansprechpartner in der offenen Arbeit zu haben. Nach Absprache kann eine begrenzte Anzahl von Kindern die anderen Fachbereiche mit verschiedenen Lerninhalten besuchen.
Sprachenvielfalt im Morgenkreis erleben
Um 9 Uhr ertönt ein Gongschlag, der alle 50 Kinder, aber auch alle Erwachsenen zum fünfzehnminütigen Morgenkreis einlädt. Er stärkt das Gemeinschaftsgefühl und die Kinder bekommen einen Überblick, welche Spielpartner heute das Abenteuerland besuchen. Interessierte Eltern mit den kleinen Geschwistern sind immer herzlich willkommen.
Zu Beginn begrüßen wir uns in verschiedenen Sprachen. Dieses Ritual begann durch die Antworten der Kinder in ihrer Muttersprache. Die Kinder erweitern jedoch ständig ihr Sprachpotenzial durch Urlaube in fremden Ländern. Mittlerweile begrüßen wir uns am Morgen in 15 verschiedenen Fremdsprachen. Dabei geht es uns nicht um das Wissen möglichst vieler Begrüßungsformen, sondern um den fremden Klang und die fremde Sprachmelodie. Die Kinder sind stolz, wenn sie im Urlaub den Gruß wiedererkennen und antworten können. Ab und zu singen wir Lieder aus verschiedenen Ländern oder benennen spielerisch Farben, Zahlen auf Französisch oder Englisch. Letzte Woche überraschte ein dreijähriger Junge eine amerikanische Mutter mit “Good morning”.
Spracherwerb musikalisch unterstützen
Daran schließt sich ein kurzer Reigen an. Er beinhaltet traditionelles, internationales oder neues Liedgut in Form von Reimen, Versen, Fingerspielen oder Singspielen – je nach Jahreszeit oder Thematik, begleitet von rhythmischen Klanggesten. Einige Kinder imitieren das Gitarrenspiel der Erzieherin mit ihrer imaginären Gitarre oder einem länglichen Baustein. Ein Reigen wird zwei Wochen lang rhythmisch wiederholt.
Durch das Wiederholen von Liedern und Gesprochenem werden den Kindern Melodie und Rhythmus vertraut, die Zuhörfähigkeit und der Spracherwerb wird gefördert. Im Wechsel bereitet jeweils eine Kollegin den Reigen vor und übernimmt in dieser Zeit die Moderation des Morgenkreises. Der Reigen sollte kurz sein, damit die Konzentration erhalten bleibt. In den Familien wird immer weniger gemeinsam gesungen, Medien übernehmen die Vorherrschaft. Durch das Singen wird die Gemeinschaft auf eine wichtige Art und Weise erlebt. Die Begeisterung der Erwachsenen im Team springt auf die Kinder über.
Sprachkompetenz und Kommunikation
Nun zeigen einzelne Kinder nacheinander die Symbole aus der Kreismitte. Gemeinsam überlegt die Gruppe, welche Aktionen und Materialien heute angeboten werden und wo die Erzieherin zu finden ist. Die betreffende Erzieherin ergänzt die noch fehlenden Informationen. Dieser Austausch gibt den Kindern Orientierung und Übersicht. Dazu benötigt das Kind eine gewisse Sprachkompetenz: Die Fähigkeit zum Zuhören, Aufnehmen, Verstehen und Umsetzen von Sprachinhalten. Es benötigt Fantasie, um sich den Ablauf der Aktionen vorzustellen sowie ein Gespür für die eigenen Bedürfnisse, um den Tag für sich befriedigend zu gestalten.
In der partnerschaftlichen Erziehung läuft heute sehr viel zwischen Erwachsenen und Kind über Kommunikation, Sprache, Erklärungen und Diskussionen. In einem gewissen Rahmen sind diese sehr wichtig, jedoch müssen bei den Kindern weitere Sinne angesprochen werden. Die ausgelegten Symbole unterstützen die Sprache visuell und die Informationen sind intensiver im Gedächtnis der Kinder verankert.
Unsere Erfahrung zeigt, dass durch das Nachdenken über die Bedeutung des Symboles die Konzentration unterstützt und das Gehirn gefordert wird. Auch die Kinder organisieren eigene Symbole und legen diese in die Kreismitte. Sie zeigen entweder etwas Selbstgestaltetes oder bieten ihre vorbereiteten Aktivitäten an: So lagen bereits mitgebrachte Bücher im Kreis, welche die Kinder im Foyer “vorlasen”. Ein fünfjähriger Junge brachte nach Weihnachten vorbereitete Materialien mit und bastelte mit den Kindern selbst entworfene Sterne. Ein weiterer Junge bot ein Experiment aus dem Vorjahr zum Thema “Mehl aus Korn” an. Das Kind erlebt sich somit als Mitgestalter des Kindergartenalltages, es organisiert seine Aktion eigenverantwortlich und stellt diese den Kindern im Morgenkreis vor. Weiterhin finden im Morgenkreis impulsgebende Anregungen für den Einstieg in bestimmte Themen statt. So stand zum Beispiel im Rahmen des Verkehrsprojektes ein Motorrad im Foyer.
Aus Gründen des Brandschutzes zählt ein Kind laut alle Anwesenden und wir überlegen gemeinsam, welche Kinder heute fehlen. Die Zwei- bis Dreijährigen suchen sich jeweils ein älteres Kind zur Unter-stützung. Dieses tägliche Ritual macht alle Kinder jeden Alters mit dem Zahlenraum 1 bis 50 vertraut. Nacheinander nennt jede Erzieherin nochmals ihren Fachbereich und die interessierten Kinder schließen sich ihr an. Unsere Jüngsten sind in der Eingewöhnungszeit mit dieser Freiheit und Offenheit des Hauses überfordert. In der Eingewöhnungszeit gehen sie mit ihrer Bezugserzieherin in deren Fachbereich oder eine Kollegin bietet ein altersspezifisches Angebot an. Dann sind die Jüngsten die ersten, die den Morgenkreis verlassen.
Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan
Zwei wichtige Schwerpunkte unseres Morgenkreises, der 15 bis 20 Minuten dauert, sind die Informationsweitergabe im offenen Konzept und das Erleben der Gemeinschaft. Viele Entwicklungsschritte zeigen sich vom ersten Zählen der 50 Kinder bis zum Anbieten von selbstvorbereiteten Aktionen. Dieser Mut tut einfach gut.
Gleichzeitig fließen in dieses tägliche Ritual ständige Wiederholungen ein, die bereits bestimmte Bildungsbereiche (s. Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan) berühren:
- Wir lauschen und sprechen verschiedene Sprachmelodien (Interkulturelle und Sprachliche Bildung).
- Wir lernen gesprochene Reime und klangvolle Lieder kennen, die wir rhythmisch oder pantomimisch begleiten (Musikalische Bildung).
- Wir zählen bis 50 (Mathematische Bildung).
- Sprachkompetenz entwickeln, Zuhörfähigkeit und Spracherwerb fördern, indem die Kinder die Informationen in ihren individuellen Tagesablauf umsetzen (Sprache und Literacy).
Am Beispiel Morgenkreis zeigt sich, dass Bildung und Lernen bei uns in erster Linie im täglichen Ablauf stattfinden und weniger in speziellen Förderprogrammen.
Kurzbiografie Sabine Thoma
Leiterin des Evangelischen Kindergartens Abenteuerland in Würzburg (offenes Konzept, Waldpädagogik), weitere Arbeitsschwerpunkte sind die Reggio- und Begabtenpädagogik, Sprach- und Kulturmittlerin des Französischen im Vorschul- und Primarbereich.
Kontakt
Sabine Thoma
Evang. Kindergarten Abenteuerland
Unterer Kirchplatz 2 a
97084 Würzburg
E-Mail: [email protected]
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