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Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei
3. Auf Entdeckungsreise in der Welt der Kindersprache
3.2 Die fünf Etappen im Spracherwerb
- Etappe 1: Alles auf Empfang
Säuglinge sind mit ihren körpersprachlichen und stimmlichen Mitteln ausgesprochen ausdrucksstark. Im Dialog mit ihren Bezugspersonen erleben Säuglinge und Kleinkinder die Wirkung der stimmlichen Zuwendung in zweifacher Hinsicht: Einmal als Empfänger sprachlicher Botschaften wie etwa durch das Hören beruhigender Wiegenlieder. Und zum anderen machen die Kinder immer wieder die Erfahrung, dass die Bezugspersonen auf ihre “gesendeten” Töne und Laute reagieren. So erfahren sie, dass der Einsatz lautlicher Äußerungen ausgesprochen wirksam ist, weil dadurch der Dialog mit anderen in Gang kommt und aufrechterhalten werden kann. Die Kinder schaffen sich auf diese Weise Übungssituationen, um mit ihren Sprechwerkzeugen (z.B. Lippen und Zunge) zu experimentieren. Das ist eine große Herausforderung, denn an der Produktion eines einzelnen Lautes können bis zu 100 unterschiedliche Muskeln beteiligt sein. Die Kinder rüsten sich so für die späteren Aufgaben im Spracherwerb. Besonders typisch für diese Phase ist – neben dem Ausprobieren der Stimme – das beginnende Babbeln (“mamamamam”). In dieser Phase sind Kinder gleichzeitig damit beschäftigt, sich in die Melodie ihrer Umgebungssprache(n) weiter einzuhören. Dies stellt die Weichen für die Wortschatz- und Grammatikentwicklung.
- Etappe 2: Miteinander Aufmerksamkeit teilen
Die Fähigkeit zur geteilten Aufmerksamkeit bereitet den Boden für einen großen Entwicklungsschub in den kommunikativen und kognitiven Fähigkeiten von Kindern. Geteilte Aufmerksamkeit heißt, dass es den Kindern nun gelingt, sich gemeinsam mit einer Person einer Sache zu widmen und die Aufmerksamkeit hierbei gleichzeitig auf die Person und die Sache zu richten. Im Rahmen solcher Situationen der geteilten Aufmerksamkeit können Kinder eine für sie völlig neue Bedeutung von Sprache entdecken: Es gibt einen Zusammenhang zwischen bestimmten Lauten und Objekten, die sie gemeinsam mit ihren Bezugspersonen im Visier haben. Diese Entdeckung ist faszinierend für die Kinder, und sie beschäftigen sich eine sehr lange Zeit mit dieser – für uns Erwachsene selbstverständlichen – Erkenntnis, dass es eine Verbindung zwischen den Lauten und der Welt der wahrnehmbaren Objekte gibt. Kinder verwenden neben dem Babbeln die Zeigegeste in Verbindung mit Äußerungen wie „da“ und „eh“. Hiermit zeigen sie deutlich an, dass sie sich auf dem Weg in die Welt der Wörter befinden.
- Etappe 3: Erste Wörter als Werkzeug
Kinder verwenden in dieser Phase wenige Wörter, arbeiten an diesen aber sehr intensiv. Sie sind z.B. mit Feinheiten der Lautproduktion beschäftigt, denn die Abfolge von unterschiedlichen Lauten innerhalb eines Wortes ist kein Kinderspiel. In dieser Etappe sind Kinder sich schon sicher, dass zu Objekten eine Bezeichnung gehört. Mit wahrer Leidenschaft etikettieren sie Dinge und Personen aus ihrer Umwelt und greifen dabei sowohl auf lautmalerische Ausdrücke (“brrrr”) als auch auf erste Wörter (“Auto”) zurück. Ein auffälliges Kennzeichen dieser Phase ist die Großzügigkeit – aus Erwachsenensicht könnte man auch sagen die Willkürlichkeit -, mit der Kinder ihre Wörter einsetzen. Mit dem Wort “Auto” können zunächst neben Autos auch alle anderen Fahrzeuge (Flugzeug, Bus) bezeichnet werden. Mit diesen ersten Wörtern bringen Kinder schon komplexe Botschaften zum Ausdruck: Je nachdem, wie ein Wort betont ist (“Auto”, “Auto?”), kann es sich um eine Mitteilung oder um eine Frage handeln.
- Etappe 4: Wörter-Welten
Als neues übergreifendes Thema entdecken Kinder nun den Zusammenhang. Dies zeigen sie uns sowohl im veränderten Sprachverhalten als auch in ihren Handlungen. War es bislang vor allem die Funktionslust, die Freude am Hantieren mit verschiedenen Objekten, die das Tätigsein bestimmte, so werden die spielerischen Aktivitäten und Handlungen von Kindern nun zunehmend in Zusammenhänge gestellt, z.B. wird die Puppe nun gefüttert, weil sie Hunger hat. Zunächst sind es sehr vertraute und täglich erlebte Erfahrungszusammenhänge, die Kinder spielerisch und sprachlich aufgreifen. Nach Erreichen der magischen 50-Wort-Grenze wächst nun auch der Wortschatz rasant. Dies führt dazu, dass Kinder beginnen, Wörter zu Zwei- oder Mehr-Wort-Äußerungen zu kombinieren (“Keks haben”, “Mutti Oma edangt”) und dadurch ihre Bedürfnisse und Beobachtungen auszudrücken.
- Etappe 5: Macht der Sprache
Als letztes großes Highlight im dritten Lebensjahr entfaltet sich die Grammatik und eröffnet eine Vielzahl neuer Möglichkeiten. Auch der Wortschatz wächst in dieser Phase stetig weiter: Kinder greifen neue Wörter nun in der Regel schnell auf. Jetzt können Erwachsene durch die zunehmenden grammatikalischen Fähigkeiten der Kinder viel leichter aus den rein sprachlichen Äußerungen der Kinder heraushören, auf was sie sich beziehen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für ein Handeln mit Sprache, das über die Gegenwart und die Situation hinausgeht. Denn im Rahmen der letzten Etappe vollzieht sich ein weiterer entscheidender Fortschritt von Kindern bei der Aneignung von Sprache: Sie beginnen, ihr Handeln und ihre Spielumgebung fantasievoll und kreativ zu deuten, und verwenden Sprache als ein Medium, mit dem sie anderen von sich und ihren Erlebnissen erzählen können.
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