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Sprachliche Bildung und Förderung für Kinder unter Drei
3. Auf Entdeckungsreise in der Welt der Kindersprache
3.4. Sprachliche Entwicklungsprozesse entdecken und beobachten
Ein Beispiel macht deutlich, welche faszinierenden Entwicklungsschritte wir entdecken können, wenn wir mit diesem weiten Blick auf Kindersprache schauen:
Lars ist zwei Jahre und einen Monat alt und interessiert sich sehr für Autos, und zwar für Autos aller Art. Er sitzt auf dem Sofa und betrachtet ein Bilderbuch, in dem neben Menschen und Häusern verschiedene Fahrzeuge zu sehen sind: ein Bus, mehrere Pkw, ein Motorrad und ein kleiner Laster. Lars ist vollkommen in seinem Element, er deutet mit seinem Zeigefinger auf jedes Fahrzeug, das er auf den beiden Bilderbuchseiten entdeckt, und bezeichnet es mit „Audo“. Gleichzeitig ahmt er auch immer wieder die Geräusche eines Motors „brrrrrrrrm“ nach, wenn er ein weiteres Fahrzeug bemerkt. Mit Thilo (2;2 Jahre), der neben ihm auf dem Sofa sitzt, nimmt er nebenbei immer wieder Blickkontakt auf. Thilo beobachtet Lars genau und betrachtet mit etwas Abstand die Fahrzeuge im Bilderbuch, auf die Lars seinen Zeigefinger richtet.
Lars hat sich das Wort „Audo“ und den lautmalerischen Ausdruck „brrrrm“ erobert. Diese Bezeichnungen setzt er fleißig ein und wendet sie an, sobald ihm ein entsprechendes Objekt ins Blickfeld gerät. Lars ist sich schon sicher, dass Objekte eine Bezeichnung haben, handhabt die Benennung der Dinge aber noch mit einer gewissen Großzügigkeit. Mit Lust verwendet er sein Wort „Audo“ oder den lautmalerischen Ausdruck für alle möglichen Fahrzeuge wie Lkw oder Busse, aber auch für ein Motorrad, das er im Bilderbuch entdeckt. Diese anfängliche Großzügigkeit, die von uns Erwachsenen häufig als Willkürlichkeit aufgefasst wird, ist typisch für diese Phase des Worterwerbs.
Wenn man genau auf Lars‘ Mundbewegungen achtet, kann man erkennen, dass er beim Wort „Audo“ mit seinen Lippen eine sehr ausgeprägte Schnute formt. Dies signalisiert uns, dass die Aussprache dieses Worts noch eine große Herausforderung für den Jungen darstellt und seine gesamte Konzentration beansprucht.
Außerdem können wir beobachten, dass Thilo für Lars in dieser Situation noch keine aktive Rolle als Gesprächspartner spielt. Lars ist primär damit beschäftigt, für sich die Welt zu sortieren. Dies gelingt ihm über die Bezeichnung der Gegenstände, hier mit dem Wort „Audo“. Aber mit diesem einen Wort kann Lars bereits komplexe Botschaften (an Thilo) aussenden: „Wow, was für ein tolles Auto“ oder auch „Oh, schau, da ist noch ein Auto“.
Zu diesem Beispiel gibt es einen Filmausschnitt, den Sie auf der DVD, die als Ergänzung zum Praxismaterial erscheinen wird, finden können.
Das Praxismaterial beinhaltet viele dieser Beispiele, die für die unterschiedlichen Sprachbereiche und Etappen des Spracherwerbs verdeutlichen, welche vielfältigen Strategien Kinder anwenden, um in die Welt der Sprache hineinzufinden.
Um es Fachkräften zu ermöglichen, Sprache so differenziert wahrzunehmen und zu beobachten, wurden vom Deutschen Jugendinstitut Beobachtungsinstrumente (Orientierungsleitfäden) entwickelt. Sie beschreiben die für jeden der fünf Sprachbereiche typischen Phänomene und Entwicklungsschritte, geordnet nach den Etappen des Spracherwerbs.
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